Wie sich der Klimawandel auf den Weinbau auswirkt

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Unwetter, Dürreperioden, Waldbrände: Der Klimawandel hält Einzug in fast alle Lebensbereiche – und macht auch vor dem Weinanbau keinen Halt. Winzer müssen sich auf neue Bedingungen einstellen, denn Veränderungen von Klima und Witterungen haben direkten Einfluss auf die in den Weinbauparzellen gepflanzten Reben. Das zieht teils schwerwiegende Folgen nach sich.

Die direkten Auswirkungen der Erderwärmung sind nicht nur messbar und teilweise sichtbar, sondern für uns Menschen auch spür- und erlebbar. Gase in der Luft oder eine veränderte Zusammensetzung der Atmosphäre nehmen wir im Alltag meist nicht wahr, die ganzjährig steigenden Temperaturen, vermehrter Starkregen einerseits und extreme Trockenheit andererseits, bleiben uns aber nicht verborgen – und wirken sich auch auf den Weinbau aus.

Weinanbau-Gebiete: das sind die Folgen

All diese Veränderungen haben für den Weinbau zum Teil kurz-, in jedem Fall jedoch mittel- und langfristig gesehen, enormen Einfluss. Heftige Starkregenfälle führen beispielsweise in Hang- oder Steillagen zu Abschwemmungen, Bodenerosion oder metertiefen Gräben zwischen den Rebzeilen. Ungewöhnlich hohe Temperaturen von über 40 Grad Celsius und ungehinderter Sonnenschein können hingegen zu Sonnenbrand und Trockenschäden an Blättern, Trauben und Beeren führen und erhebliche Schäden verursachen. Dazu hatte das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) gemeinsam mit dem Julius-Kühn-Institut und dem Deutschen Wetterdienst 2015 eine eigene Studie zu „Agrarrelevante Extremwetterlagen und Möglichkeiten von Risikomanagementsystemen“ publiziert. Während die Folgen des Klimawandels sich langfristig auswirken, können kurzfristige extreme Wetterlagen wie „Hitze, Dürre, Sturm, Überschwemmungen, Hagel oder Frost der Land- und Forstwirtschaft erheblichen Schaden zufügen“, berichtet die Studie.

Eignung und Abgrenzung des Rebgeländes

Die heutigen Weinbaugebiete beziehungsweise Weinlandschaften bestehen teils seit Jahrtausenden. Die Griechen, und später die Römer, brachten den Weinbau nach Italien und verbreiteten die Reben von dort in ganz Europa. Seit jener Zeit werden Reben unter anderem in der französischen Champagne, an der Mosel, im Rheintal und genauso an der Donau, im portugiesischen Duro-Tal oder auf der iberischen Hochebene La Mancha angebaut.

Weinbaugebiete sind meist historisch gewachsen und die jeweiligen Regionen wurden – im Zuge von wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umständen – als Weinberge abgegrenzt. Hierzu wurde über die Jahrhunderte ein ganzes Rechtssystem, das heute in Form geschützter Weinbergslagen und Gebiete sowie eines ausgeklügelten Anbau- und Wiederbepflanzungssystem besteht, als rechtlicher Überbau geschaffen.

Für Aufsehen in der Weinbranche sorgte Anfang diesen Jahres eine Studie der University of British Columbia, Kanada. Diese schlussfolgerte, dass eine durchschnittliche Steigerung der Temperatur von weltweit 2 Grad Celsius einen Verlust von über 50 Prozent der vorhandenen Weinbauflächen bedeuten würde. Bei einem weltweiten Temperatur-Anstieg von 4 Prozent, würde sich der Verlust an derzeitiger Fläche auf über 75 Prozent belaufen.     

Anpflanzungen von Keltertraubensorten dürfen etwa nur auf Flächen vorgenommen werden, die für den Weinanbau geeignet sind. Das Klima des Standortes spielt, neben Hangrichtung und Hangneigung, Horizontabschirmung, Windoffenheit, Kaltluftgefährdung und geeigneten Bodenverhältnissen, eine entscheidende Rolle, ob in einer Region Reben gepflanzt werden dürfen. Alte, bestehende Weinberge stehen außerdem unter Bestandsschutz.

Vor dem Hintergrund des anhaltenden Klimawandels steht der bisherige Weinbau mehr oder weniger zur Disposition. Immer häufiger stellt sich die Frage, ob der Weinbau in den derzeitigen Gebieten und in der bisherigen Art und Weise weiter betrieben werden kann. Dabei muss man zunächst einmal drei grundlegende Begriffe auseinanderhalten, um dem Phänomen „Klima“ näher zu kommen.

Der Huglin-Index

Da die Temperatur und insbesondere die mittlere Tagestemperatur eine der zentralen Kenngrößen für das Klima darstellt und ganz entscheidende Hinweise gibt, welche Pflanzen und Arten wo und wie angebaut und kultiviert werden können, kommt der Auswahl geeigneter Rebsorten für unterschiedliche Temperaturbereiche eine entscheidende Rolle zu. Eines der bekanntesten Verfahren, die Eignung von Weinbauregionen für verschiedene Rebsorten entsprechend ihrer Temperaturverträglichkeit zu beurteilen, ist der sogenannte Huglin-Index. Der Index errechnet sich aus dem täglichen Temperaturmittel und dem Temperaturmaximum für den Zeitraum 1. April bis 30. September.

Ein Standort, der einen Wert (Huglin-Index) unter 1500 im langjährigen Mittel aufweist, gilt als ungeeignet für die Temperaturansprüche von Reben (siehe Tabelle unten). Im Bereich darüber, also von 1500 bis 1600 Index-Punkten, können Rebsorten mit verhältnismäßig geringen Ansprüchen, wie Müller-Thurgau, Kerner oder Blauer Portugieser, angebaut werden. Am anderen Ende der Skala stehen wärmeliebende Rebsorten wie Grenache, Syrah, Zinfandel, Carignan oder Merlot. Generell sind Rotweinsorten wärmeverträglicher und Weißweine eher für kühlere Regionen geeignet.

Huglin-Index HAusgewählte anbauwürdige Rebsorten
H < 1500 kein Anbau empfohlen
1500 < H < 1600Müller-Thurgau
1600 < H < 1700Pinot blanc, Gamay noir
1700 < H < 1800Riesling, Chardonnay, Sylvaner, Sauvignon blanc, Pinot noir
1800 < H < 1900Cabernet franc
1900 < H < 2000Chinon blanc, Cabernet Sauvignon, Merlot
2000 < H < 2100 Ugni blanc
2100 < H < 2200Grenache, Syrah
2200 < H < 2300Carignan
2300 < H < 2400Aramon

Tabelle: Huglin-Index ausgewählter Rebsorten (nach Hoppmann, 2010).

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Bisher hat sich im Weinbau, zumindest was den Anbau der traditionellen Rebsorten betrifft, noch wenig verändert. So ist Riesling weiterhin die wichtigste Rebsorte in Deutschland, Grüner Veltliner in Österreich zu Hause, Sangiovese in Italien und Cabernet Sauvignon die wichtigste Rebsorte in Frankreich. Merlot, Grenache, Syrah, Carignan oder Tempranillo gelten als die wichtigsten Rebsorten in den südlichen Mittelmeerregionen Frankreichs, Italiens und Spaniens.

Die Temperaturzonen schieben sich jedoch immer weiter nordwärts, was die berechtigte Frage aufwirft, ob sich der Weinbau in Europa zukünftig in weitaus nördlicheren Regionen ansiedelt und Südeuropa schon bald nicht mehr für Weinbau geeignet sein wird.  

Neben der Standort-Wanderung des Weinbaus gen Norden oder auch die Berghänge hinauf in kühlere Temperaturbereiche, wie es heute schon im Trentino oder in Südtirol sichtbar ist, würde sich auch die Idee anbieten, die derzeit vorhandenen Rebsorten durch andere hitzeresistentere Rebsorten zu ersetzen.

Ausblick: Umstieg auf andere Rebsorten wäre eine Option

Viele Weißweinregionen könnten auf Rotweine umsteigen und heutige Rotweinregionen hingegen wärmeliebendere Sorten anpflanzen.

Damit ließe sich der Flächenverlust möglicherweise einschränken, aber nicht vollends stoppen. Außerdem bleibt vorerst offen, ob die mehr produzierten Rotweine überhaupt Käufer und Konsumenten fänden. Auch bei der Züchtung neuer, hitzebeständigeren Rebsorten, lässt sich die Kauflust und Nachfrage nicht pauschal beantworten.

Erfolgversprechender erscheint die Verwendung von Unterlagreben, die spätreifender und trockenheitsresistenter sind. Die bekannten Rebsorten und die traditionellen Weinstile könnten weiterhin produziert und vermarktet werden.

Noch besser als alle diese Strategien und Lösungen wäre allerdings eine Reduzierung des globalen Temperaturanstiegs und eine wirksame Verringerung klimaschädlicher Emissionen.

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Dr. Hermann Pilz

Dr. Hermann Pilz

Seit mehr als 20 Jahren leitet Dr. Hermann Pilz als Chefredakteur die Fachzeitschrift WEINWIRTSCHAFT und schreibt leidenschaftlich gerne über die verschiedensten Themen der Wein- und Spirituosen-Branche.