Wermut auf Siegeszug

Wermutkraut
© Adobe Stock / User: Ines39

Lange als billiger Fusel verschrien, hat sich Wermut inzwischen vom Negativ-Image befreit und macht sich auf, die Bars und irgendwann auch die Haushalte zu erobern. Hersteller und Distributeure sehen besonders im Premium-Segment gute Chancen für einen starkes Wachstum.

„Wermut ist der neue Gin“ – so hört man seit einiger Zeit Branchenkenner frohlocken. Will sagen: Der mit Gewürzen aromatisierte Wein könnte schon bald der Wacholderspirituose den Rang als Shooting-Star an der Bar ablaufen. Kann er wirklich?

Zur Erinnerung: Gin hat sein Marktvolumen von 2012 bis 2017 fast verdoppelt, allein im letzten Jahr wuchs sein Absatz hierzulande um fast 50 Prozent. Soweit ist Wermut noch lange nicht. Laut aktuellen Angaben des Marktforschungsinstituts IRI ging die im Handel (Lebensmitteleinzelhandel inkl. Harddiscount und Drogeriemärkten) verkaufte Menge von Januar bis Oktober dieses Jahres sogar noch um gut zwei Prozent zurück. Immerhin stiegen die Preise, so dass der Umsatz um 3,4 Prozent kletterte.

Woher also der Optimismus, den man vor allem aus den Reihen der Hersteller und Importeure immer wieder vernimmt? Die insgesamt abgesetzte Menge ist es wohl eher nicht. Auch in absoluten Zahlen wird wohl Wermut den Gin nicht so schnell einholen: Fast 18 Millionen Flaschen Gin wurden 2018 im deutschen Handel verkauft; bei Wermut waren es mit 9,5 Millionen Flaschen etwas mehr als halb so viele.

Laut Branchenschätzungen haben sich seit 2012 weltweit rund 100 neue Marken gegründet. Die Erwartungen und das Vertrauen in die Gattung sind offenbar hoch.

Wermut-Segment mit „vielversprechender Dynamik“

Wie so oft ist es wohl bislang nicht viel mehr als ein gewisses Gespür für Trends, ein sicheres Gefühl, dass hier ein großes Potenzial schlummert. Als Alternative zu höherprozentigen Spirituosen und wegen ihrer Vielseitigkeit sei die Kategorie für sein Unternehmen „strategisch hochinteressant“, unterstreicht etwa Markus Hotze, Geschäftsführer bei Eggers & Franke, dem Importeur des Hauses Carpano. Er sieht im Wermut sogar „bereits eine gute und vielversprechende Dynamik“.

Da diese sich allerdings auf die naturgemäß überschaubaren Premiumangebote beschränkt, bildet sich der Trend bislang kaum in den Daten der Marktforschung ab. Beim Preiseinstieg und im mittleren Segment hat sich hingegen nicht viel geändert: Hier stagnieren die Zahlen oder sind sogar rückläufig. Hinzu kommt, dass Trends, die sich in Bars bereits ankündigen, noch lange nicht im Handel ankommen.

Dass von der Vorliebe zu Premiumprodukten auch Wermut profitiert, merkt man auch bei Bacardi. Kennerschaft und die Bereitschaft, für eine gute Spirituose mehr zu bezahlen, gewinne stark an Bedeutung, heißt es aus Hamburg. Das lässt sich auch am eigenen Portfolio belegen: Während die Dachmarke Martini insgesamt aktuell (rollierendes Jahr bis KW 39) um vier Prozent wächst, geht es für die Premium-Range – freilich auf niedrigem Niveau – „dynamisch“ aufwärts.

Alle Rekorde brach bei Martini indessen die Innovation „Fiero“, die sich an jüngere Zielgruppen wendet und vor allem von der weiterhin wachsenden Lust auf leichte, erfrischende Aperitifs profitiert. Sie war im selben Zeitraum mit plus 38 Prozent der Wachstumstreiber schlechthin.

Wermut im Glas
© Adobe Stock / User: Alexshyripa

Wermut: Von Lust auf Cocktails und Longdrinks beflügelt

An „die Stärke und den Erfolg der Kategorie in den nächsten Jahren“ glaubt auch Dr. Tina Ingwersen-Matthiesen, Geschäftsführerin von Borco-Marken-Import. Sonst hätte man nicht in diesem Jahr die beiden Marken Gancia und Ferdinand’s ins Portfolio aufgenommen. Aus Sicht der Borco-Chefin ist es nicht zuletzt auch das steigende Interesse an Cocktails und Longdrinks, das den Wermuttrend beflügelt.

So spiele gerade bei den großen Bar-Klassikern Wermut eine große Rolle – wie im Manhattan oder im Martini Cocktail. Oft wird hier auch der Negroni genannt, der aktuell geradezu ein Revival feiert. Zugleich ermöglichen laut Ingwersen-Matthiesen gerade die neuen Wermut-Marken Bartendern auch die Zubereitung neuer kreativer Twists und leichter, nicht allzu hochprozentiger Drinks.

Indessen ist auch noch eine recht neue Tendenz zu erkennen: Neben den Wermut-Sorten insbesondere mit italienischer Tradition – wie Martini, Cinzano und Carpano – sind inzwischen einige neue heimische Marken durchaus erfolgreich. Allen voran der von Maximilian Wagner und Sebastian Brack entwickelte Belsazar Vermouth, der nach wenigen Jahren am Markt von Diageo übernommen wurde. Seine Beliebtheit führt man bei Diageo – auch – auf die regionale Herkunft der Zutaten zurück.

Wermut trinken
© Adobe Stock / User: Nagaets

Die Trauben, der Wein und die Obstdestillate stammen aus Südbaden, produziert wird in Berlin. „Dies ist für viele Verbraucher ein wichtiger Aspekt“, heißt es aus Hamburg. Laut „Nielsen Shopper Trends 2019“ sei dies für 55 Prozent der Konsumenten wichtig.

Ähnliches gilt für Ferdinand’s Wermut, der aus Rieslingtrauben von der Saar hergestellt wird. Auch die Botanicals sind laut Unternehmensangaben regionaler Herkunft. Sogar ein eigenes Rezept eines „Saar-Negroni“ hat man entwickelt. Neben dem roten Wermut der Marke wird darin der Dry Gin von Ferdinand’s verwendet. Mit dem Erfolg jedenfalls ist die Borco-Geschäftsführerin zufrieden. Die Erwartungen seit dem Distributionsstart im Juli hätten sich „mehr als erfüllt“.

Starke Perspektiven für gute Produkte

Steht Wermut also doch bald eine große Zukunft bevor? Ein Blick in andere Länder hilft bei der Beurteilung: Wermut profitiert ganz stark von dem Comeback des Aperitifs – und der wächst überall in Europa, weiß man bei Bacardi. „Hier sind starke Perspektiven, mit guten Produkten Impulse zu setzen“, heißt es aus dem Unternehmen. Und: „Die Kategorie ist on fire und trifft genau die Konsumentenbedürfnisse.“

Wer sich für die technischen Hintergründe der Wermut Herstellung interessiert, findet in der internationalen Fachmesse drinktec, München, das richtige Forum. Dort präsentieren Aussteller aus aller Welt ihre Lösungen. Die nächste drinktec findet vom 13. bis 17. September 2021 statt. Sie suchen auch noch einer Plattform, um Ihre Innovation in diesem Bereich vorzustellen? Dann seien Sie auf der nächsten drinktec mit dabei.

Barbara Rademacher

Barbara Rademacher

Barbara Rademacher war 18 Jahre lang Redakteurin bei einer renommierten Fachzeitschrift für die Getränkebranche. Im Juli 2018 gründete die gelernte Journalistin zusammen mit ihrem langjährigen Kollegen Dirk Omlor ein Text- und Beratungsbüro mit dem zentralen Projekt getraenke-news.de.