Weinbau in Steillagen von Innovationen gesichert

Weinbau in Steillagen von Innovationen gesichert
© Dr. Hermann Pilz

Steillagen Weinbau, bedeutete über lange Zeit reine Handarbeit. Maschinen, die man effektiv für die Bodenarbeiten einsetzen konnte, um den konkurrierenden Pflanzenwuchs am Boden in Schach zu halten oder Dünger einzuarbeiten, gab es nicht.

Steillagen Weinbau im Wandel

Mit der Hacke und einfachen Werkzeugen mussten sich die Winzer über Jahrhunderte mühsam behelfen. Genauso wenig ließen sich der Rebschnitt, die Laubarbeiten am Rebstock oder im Herbst die Ernte der Trauben mechanisieren. Jede Arbeit in den Steillagen musste von Hand erledigt werden.

Erst in den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts wurden einfache Geräte entwickelt, die von den damals verfügbaren Weinberg-Traktoren betrieben werden konnten. Dazu zählte der Binger Seilzug. Dieser wurde in Bingen am Rhein entwickelt und lange Zeit von der gleichnamigen Maschinenbaufirma hergestellt. Mit Hilfe des Seilzugs konnten die Winzer einfache Bodenarbeiten vornehmen. Allerdings verlangte der Einsatz der Geräte stets zwei Personen zur Bedienung, zudem war die Schlagkraft der lediglich gezogenen Geräte alles andere als berauschend. Andere Pioniere des Landmaschinenbaus entwickelten Schlauchspritzen, die den Pflanzenschutz erleichtern sollten, der zuvor mühsam per Rückenspritze erledigt werden musste. In Deutschland gelten Weinberge als steil, sofern sie 30 Prozent Steigung überschreiten – bei eben solchen steilen Weinbergen blieb die schweißtreibende Arbeit über lange Zeit eine wahre Tortur.

Starker Wettbewerb: Direktzuglagen

Außer der körperlich belastenden Arbeit erwiesen sich im zunehmenden Wettbewerb mit Weinen die erheblich höheren Produktionskosten als ein großer Nachteil des Weinbaus in Steillagen. Das führte über Jahrzehnte zum Rückgang der Rebflächen in Steillagen, die über Jahrhunderte hinweg den eigentlichen Kern des Weinbaus in Deutschland dargestellt hatten.

Die betriebswirtschaftlichen Kalkulationen ließen vielen Winzern jedoch keine andere Wahl als die Steillagen aufzugeben und in ebnen Lagen weiter zu machen oder den Weinbau ganz aufzugeben. Während sich in Direktzuglagen für die Traubenproduktion der Arbeitsaufwand je nach Mechanisierungsgrad auf 200 bis 250 Stunden begrenzen lässt, sind in Steillagen 800 bis 1.000 Arbeitsstunden pro Hektar und Jahr keine Seltenheit. Legt man nur alleine den derzeitigen Mindestlohn von 9,19 Euro zugrunde, ist die Traubenproduktion in Steillagen mit 7.000 bis 9.000 Euro pro Hektar belastet. Bei Traubenerträgen, die naturgemäß etwas geringer als in Direktzuglagen ausfallen, von 8.000 bis 10.000 Kilogramm pro Hektar verursachen allein die Ausgaben für die Arbeitskräfte Kosten von 0,8 bis 1 Euro pro Kilogramm Trauben. Im Wettbewerb mit deutlich günstiger produzierten Weinen aus Flachlagen ist das ein entscheidender Nachteil und erklärt den Rückgang der Rebflächen in den Steillagen. Lange Zeit sah es so aus, als wäre diese Entwicklung unumkehrbar.

Technische Innovationen und Gerätelösungen sind für den Steillagen-Weinbau unersetzlich geworden

Doch sowohl Winzer, Weingutsbesitzer aber auch die im Weinbau tätigen staatlichen und privaten Beratungs- und Forschungsinstitutionen und insbesondere die Landmaschinenhersteller wollten sich nicht damit zufriedengeben. Es wurde intensiv nach Lösungen gesucht, wie die einzelnen Arbeiten mechanisiert und erleichtert werden konnten. Den Durchbruch brachten Innovationsoffensiven wie die Entwicklung moderner Geräteträger- und Raupensysteme, die zur Sicherung mit einem Trägerfahrzeug und einer Seilwinde verbunden sind. Sie lassen sich von einer Bedienungsperson bedienen.

Dabei handelt es sich um die sogenannten Seil- und Raupenmechanisierungssysteme (SMS- und RMS-Geräte-Kombinationen), die zwar Investitionen von rund einer Viertelmillion Euro pro Gerätekombination verlangen, dann aber bei entsprechender Anlage des Weinbergs in vertikalen Zeilen in Falllinie und auf Drahtrahmen wie in der Ebene üblich, eine enorme Steigerung der Arbeitsleistung erlauben. Die Geräte können in steilsten Weinbergen bis zu 75 Prozent Hangneigung und auch in Terrassenlagen eingesetzt werden. Die Produktionskosten können damit erheblich gesenkt werden, was die Konkurrenzfähigkeit entscheidend verbessert und deutlich niedrigere Produktionskosten verursacht.

Der Vorteil der raupengeführten Gerätekombinationen liegt in der universellen Einsetzbarkeit für so gut wie alle anfallenden Arbeiten in den Weinbergen. Bodenbearbeitung zur Lockerung des Bodens und der Beseitigung unerwünschten Bewuchses in den Rebzeilen und unter den Rebstöcken lassen sich genauso erledigen wie Pflanzenschutz und Laubarbeiten. Ein echter Durchbruch brachte erst vor wenigen Jahren die Entwicklung von speziellen Vollerntern, die in Steillagen eingesetzt werden können und inzwischen teilweise durch spezielle Sortiereinrichtungen bessere Ernteergebnisse bringen als die Lese von Hand. Der hohe Arbeitsstundenaufwand für die Lese war eines der größten Probleme des Steillagenweinbaus und seiner Wirtschaftlichkeit – vor allem weil die früher verfügbaren Arbeitskräfte heute kaum oder gar nicht mehr zur Verfügung stehen. Die Maschinen erhöhen ganz erheblich die Schlagkraft und Flexibilität in der Ernte, was sich angesichts der in den vergangenen Jahren erfolgten klimatischen Veränderungen als weiterer wichtiger Vorteil, wenn nicht gar existenznotwendig für den Steillagenweinbau, erweist.

Technische Innovationen, neue Maschinen und Geräte sind für den Weinbau in den alten traditionellen Steillagen-Weinbergen zur überlebensnotwenigen Bedingung geworden. Dazu trugen auch die von innovativen Firmen entwickelten Monorackbahnen für schwer zugängliche oft hinter Felsen versteckten Terrassenlagen bei. Sie erleichtern insbesondere Transportarbeiten und machen in vielen Fällen den Erhalt der Weinberge wie sie an der Mosel, in Württemberg oder in Baden bis heute die Landschaft prägen erst möglich.

Die Zukunft des Weinbaus

Ein Ende der Innovationen ist noch lange nicht abzusehen. Das Ziel wird die Entwicklung autonomer Fahrzeuge und Geräte sein, die, ohne Menschen in extreme Gefahrensituationen zu bringen, anfallende Arbeiten erledigen helfen. Auch der Einsatz von Drohnen, die vor allem zur besseren Überwachung und der gezielten Applikation von Pflanzenschutzmaßnahmen dienen, werden vermehrt zum Einsatz kommen. Alle diese Maßnahmen und neuen Technologien werden unabdingbare Voraussetzungen für den Erhalt und die Zukunft des Weinbaus in den wertvollen Steillagen sein. Dabei zeichnet sich heute schon ab, dass durch den Einsatz der neuen Technologien und das dafür erforderliche Kapital eine längst überfällige strukturelle Reform des Weinbaus einhergeht. Setzten früher die verfügbaren

(Familien-)Arbeitskräfte der Entwicklung schlagkräftigerer, größerer Betriebe enge Grenzen, lässt die jetzt einsetzbare Technik Weinbaubetriebe mit größerer Fläche von 50, 100 und mehr Hektar entstehen. Neben dem Erhalt des Weinbaus fördern die innovativen Technologien eine strukturelle Reform des Weinbaus wie sie lange Zeit nicht für möglich gehalten wurde.

Dr. Hermann Pilz

Dr. Hermann Pilz

Seit mehr als 20 Jahren leitet Dr. Hermann Pilz als Chefredakteur die Fachzeitschrift WEINWIRTSCHAFT und schreibt leidenschaftlich gerne über die verschiedensten Themen der Wein- und Spirituosen-Branche.

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