Verbraucherinformationen auf Wein-Etiketten – EU drängt auf Vereinheitlichung

Allzu detaillierte Angaben über die verwendeten Zusatzstoffe verunsichern die Konsumenten von Wein. Deren Produktauffassung von Wein ist immer noch als Naturprodukt geprägt. Die Angaben von Nährwerten und Energiegehalt wird noch toleriert, aber wenn allzu viele Zusatzstoffe auftauchen, wie auf dem Rückenetikett der rechten Flasche, schreckt das die Konsumenten ab.
© Hochschule GEISENHEIM University, Institut für Betriebswirtschaft und Marktforschung

Alkoholische Getränke und Weine genießen seit jeher eine Sonderstellung, was das Bezeichnungsrecht anbelangt. Nicht anders stellt sich die Ausnahmeposition dar, was die Nennung von Nährwerten und Zutaten betrifft. Doch mit den Ausnahmen könnte bald Schluss sein: Während sich die weltweit größten Brauereien schon darauf geeinigt haben, bestimmte Informationen auf die Etiketten zu drucken, visiert nun auch die EU-Kommission bei alkoholischen Getränken eine Vereinheitlichung der Kennzeichnung an, die den obligatorischen Angaben bei Lebensmitteln entspricht.

Die Lebensmittelinformationsverordnung (LMIV) regelt seit 13. Dezember 2014 in allen Mitgliedstaaten der Europäischen Union, wie der Verbraucher über Inhaltsstoffe und Zutaten auf Verpackungen und Etiketten von Lebensmitteln informiert werden muss. Die entsprechende Durchführungsverordnung der LMIV gilt seit Juli 2017 auch in Deutschland und ersetzt die bisherige nationale Regelung. Höchste Zeit für die Branche, sich Gedanken zu machen, wie sie den gesetzlichen Anforderungen entsprechen will.

Branchen-Vorschlag zur Kennzeichnung von Inhaltsstoffen gefragt

Bis März 2018 gibt die EU-Kommission der Branche die Möglichkeit, einen eigenen Vorschlag zur Informationsverordnung bei Wein, Sekt, Bier und anderen alkoholischen Getränken in ganz Europa einzureichen. Dabei wird es eine Herausforderung werden, die unterschiedlichen Vorstellungen der verschiedenen alkoholischen Getränkehersteller zu vereinen. Die Weinbranche argumentiert beispielsweise, dass Wein ein traditionelles Produkt darstellt, die analytischen Werte gar nicht so unterschiedlich und die Verbraucher auch ausreichend über die Inhaltstoffe informiert seien. Dagegen argumentiert die Bier-Lobby mit dem Reinheitsgebot und der ohnehin schon gepflegten Kennzeichnung der Zutaten, dass Bier aus Wasser, Malz und Hopfen bestehe. Die drei weltweit größten Brauereien – Heineken, Anheuser-Busch InBev und SAB Miller – haben sich inzwischen darauf verständigt die Kalorienangabe freiwillig auf die Etiketten zu drucken und bringen damit ihre deutschen Kollegen unter Druck, die bisweilen noch abwarteten. Bis dato sieht es nicht danach aus, als gäbe es bis März weder national noch auf europäischer Ebene eine Verständigung über die unterschiedlichen Auffassungen.

Frist für Branche verstreicht im März – dann entscheidet EU-Kommission

Über allem hängt das Damoklesschwert der EU-Kommission: Wenn bis März 2018 kein gemeinsamer Vorschlag aus der Branche eingegangen ist, ergreift die EU-Kommission selbst die Initiative und erlegt der Branche eine Regelung nach ihren Vorstellungen auf. Eine ganz maßgebliche Rolle spielen dabei auch die Verbraucherverbände und deren Vertreter. Diese fordern seit langem die Angabe der wichtigsten Inhaltsstoffe und Zutaten – vor allem aus einer gesundheitlichen Perspektive heraus: Sie argumentieren, dass der Konsum alkoholischer Getränke einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf die Ernährung der Konsumenten hat.

Kennzeichnung von Wein: Das Maß zwischen informieren und abschrecken finden

Neben der Angabe von Jahrgang, Rebsorte und Herkunft könnten auch die „Big 7“ der Nährwertangaben und Inhaltsstoffe stehen. Dazu zählen der Kaloriengehalt und die Werte für Fett, gesättigte Fettsäuren, Kohlenhydrate, Zucker, Eiweiß und Salz. Ganz besonders schwierig wird für die Weinbranche das Thema der Kennzeichnung möglicher Zusatzstoffe. Die Vielzahl erlaubter Behandlungsmaßnahmen, bei denen teilweise Stoffe im Wein verbleiben, zum Teil aber auch Stoffe ausgetauscht, vermehrt oder vermindert werden, eröffnet ein weites Feld, das viele Verbraucher verunsichern könnte. Schon die Angabe, dass ein Wein nur aus Trauben, ein anderer aber aus Trauben plus Zucker und Säuren und der Zugabe von süßem Traubenmost bereitet wurde, stellt Vertreter der Weinbau- und Kellereiverbände vor eine große Herausforderung. Nicht ganz zu Unrecht, wie die Marktforscher Simone Loose und Gergely Szolnoki von der Hochschule Geisenheim, Institut für Betriebswirtschaft und Marktforschung, in ihren Studien herausfanden. Werden Konsumenten mit zu vielen Angaben über Zutaten auf dem Rückenetikett konfrontiert, wächst die Verunsicherung und der Konsument greift tendenziell eher zu einer anderen Flasche.

Die neuen Kennzeichnungspflichten werden von einer noch viel weitergehenden Diskussion befeuert – Stichwort Verpackung und Etikettierung: Welche und wie viele Anteile der Verpackung oder Etikettierung eines Nahrungs- oder Genussmittels dürfen sachlicher oder werbender Information dienen? Für die Getränkebranche bleibt die Produktkennzeichnung in jeder Art und Form, ob auf Weichverpackungen, Plastik- oder Glasflaschen, auch in Zukunft ein spannendes Thema und wird die Gestaltung und Herstellung verkaufsfähiger Produkte weiter vorantreiben.

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Dr. Hermann Pilz

Dr. Hermann Pilz

Seit mehr als 20 Jahren leitet Dr. Hermann Pilz als Chefredakteur die Fachzeitschrift WEINWIRTSCHAFT und schreibt leidenschaftlich gerne über die verschiedensten Themen der Wein- und Spirituosen-Branche.

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