Deutsche Weinbranche in Corona-Zeiten

Schwere Zeiten für Weinmarkt
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Der Weinabsatz in der Gastronomie ist durch die Corona-Pandemie, insbesondere während des Lockdowns, extrem eingebrochen –  ein herber Schlag für den deutschen Weinmarkt. Doch der nutzt das als Chance, erfindet sich gerade neu und geht mit dem Online-Handel neue Wege.

„Sektkonsum braucht Anlässe. Wenn keine Familienfeiern, Hochzeiten, Geburtstage, Konzerte, Kongresse oder Opernaufführungen stattfinden, fehlen die Gelegenheiten, zu denen Sekt konsumiert wird“, erzählt Chef von Henkell Freixenet, Deutschlands größter Sektschmiede, Dr. Andreas Brokemper. Als international tätiges Unternehmen, das zwei Drittel seines Umsatzes auf ausländischen Märkten erzielt, bekommt Henkell Freixenet den Einbruch auf den einzelnen Märkten in ganz unterschiedlichem Ausmaß zu spüren: In Spanien, wo ein Großteil Sekt und vor allem Cava in der Gastronomie konsumiert wird, sind die Folgen stärker als in Deutschland, wo viel Sekt über den Lebensmittelhandel fließt.

Der erste Lockdown führte in der Gastronomie, Händlern und Weingütern zu Absatzrückgängen von 80 und mehr Prozent. Dann kam das Aufatmen: Von Mai bis September erholte sich der deutsche Weinmarkt überraschend gut. Die deutschen Feriengebiete erlebten einen förmlichen Boom und selbst die Weinregionen, die eher an Tages- und Wochenendtouristen gewöhnt sind, wurden zum beliebten Urlaubsziel. Für manches selbstvermarktete Weingut mit angeschlossenem Fremdenverkehr wurde die Urlaubssaison zur Existenzrettung. Doch der Lockdown, der im November begann, zwingt die Branche erneut in die Knie.

Ganz anders die Situation im Lebensmittel- und Weinfachhandel und im aufblühenden Online-Handel mit Wein. Alle drei Absatzkanäle gehören wie der Direktverkauf ab Weingut an Endverbraucher fürs Erste zu den Profiteuren der Krise.

Deutsche Sonderrolle beim Weinkonsum

Mit Erstaunen blicken daher viele Nachbarstaaten auf Deutschland. Wenn man nur den Weinabsatz betrachtet, nimmt Deutschland gegenüber den direkten Nachbarländern seit Jahren eine Sonderstellung ein. Während in den romanischen Weinländern Frankreich, Italien und Spanien und auch im Nachbarland Österreich ein Großteil des Weinkonsums traditionell in der Gastronomie stattfindet, trinken die Deutschen Wein meist zuhause in den eigenen vier Wänden. Rund drei Viertel des Weinabsatz entfällt in Deutschland auf den Heimkonsum. Das fördert den Absatz von Wein sowohl bei Supermärkten und Discountern als auch im Online- und Weinfachhandel. Überall dort, wo sich die Betreiber gegen die Krise stemmen und ideenreich mit Aktionen, Online-Verkostungen oder Hauslieferungen ihre Kunden bedienen.  

Der Lebensmittelhandel (LEH) erfreut sich gleichfalls einer Sonderkonjunktur, da er als systemrelevante Einkaufsstätte für die Grundversorgung mit Lebensmitteln zu sorgen hat. Die Weinabteilungen im LEH sind gut bestückt und werden von den Kunden stärker denn je frequentiert. Davon profitieren die einschlägigen Lieferanten des Lebensmittelhandels, die großen Weinkellereien, genauso wie LEH-orientierte Winzergenossenschaften.

Auch zahlreiche mittelständische Weingüter suchen vermehrt den Absatz über den LEH, insbesondere den „Selbständigen Lebensmitteleinzelhandel“, der seine Weinsortimente in den letzten Jahren stark aufgerüstet hat.

Umsatzrückgänge durch Lockdown
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Aber nicht nur der Einzelhandel profitiert davon. Die Kunden sind bezüglich ihrer Einkaufsstätten flexibler denn je, weshalb für alle Marktteilnehmer eine Multichannel-Strategie zur Pflicht wurde. Stationäre Lebensmittelhändler forcieren ihre Online-Portale, viele Weingüter steigen neu ins Online-Geschäft ein und für Weinhändler sind eigene Online-Shops zur Existenzgrundlage geworden. Viele haben ihr Online-Engagement ausgebaut. Das erfordert allerdings auch erhebliche Investitionen in digitale Technik, Software und Manpower.

Corona befeuert Digitalisierung – auch auf dem deutschen Weinmarkt

Händler müssen zudem auf Social-Media-Kanälen wie Facebook, Instagram oder YouTube, aktiv sein. „Eine kluge Kombination aus stationärem Handel, Content-Marketing, Social-Marketing, E-Commerce und themenbezogenen Plattformangeboten zeigen, dass Umsatzzuwächse während der Corona-Krise möglich sind“, berichtet Vincenzo Casciato gegenüber der Fachzeitschrift „Weinwirtschaft“. Er ist Geschäftsführer der Software-Firma Eurosoft, der mit der Plattform stayhomedrinkwine.de, Weinhändlern deutschlandweit die Möglichkeit gibt, ihr Weinsortiment auf dieser Plattform einzustellen. 250 Händler sind dort mittlerweile gelistet.

Schwächelnde Absatzmärkte und hohe Umsatzeinbußen: das Überangebot auf den Weltmärkten nimmt zu. Südafrika rechnet mit einer Übermenge von 2,5 – 3 Millionen Hektolitern Wein. In Frankreich, Italien und Spanien sieht es ähnlich aus. Im Sommer wurde bereits Wein destilliert, um die Märkte nicht kollabieren zu lassen

„Der Einzelhandel muss, wie viele andere Bereiche des täglichen Lebens, in Sachen Digitalisierung einen gewaltigen Rückstau aufholen“, meint Stephan Tromp, stellvertretender Hauptgeschäftsführer des Handelsverbands Deutschland (HDE) gegenüber „Weinwirtschaft“: „Corona ist nicht der Grund, sondern das Brennglas“, ergänzt Tromp und bietet über den HDE mit der Initiative „ZukunftHandel“ Hilfen beim Einstieg in die digitale Geschäftswelt an.  

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Dr. Hermann Pilz

Dr. Hermann Pilz

Seit mehr als 20 Jahren leitet Dr. Hermann Pilz als Chefredakteur die Fachzeitschrift WEINWIRTSCHAFT und schreibt leidenschaftlich gerne über die verschiedensten Themen der Wein- und Spirituosen-Branche.