Biowein: Was bietet der Markt und was fordern die Verbraucher?

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Bioweine scheinen ein großer Trend zu sein – wirft man einen genaueren Blick  darauf, zeigt sich jedoch Eines: Bioweine sind noch immer eine Nische! Nur knapp sechs Prozent der weltweiten Rebfläche werden als Bio-Weinbaufläche ausgewiesen. In Deutschland sind es mit 7,5 Prozent etwas mehr, aber Biowein hat auch hier seine Tücken.

„Biowein, Naturwein, Ökowein, nachhaltiger Wein, veganer Wein“: Eine Menge Begriffe geistern herum und tragen nicht gerade zur klaren Information der Verbraucher bei. Vielleicht ist es am einfachsten, vegane Weine zu beschreiben: Es sind schlicht Weine, die ohne Substanzen tierischen Ursprungs erzeugt wurden. Jedoch spielen tierische Inhaltsstoffe heute nur noch bei wenigen Weinen eine Rolle, bei denen sie für die Klärung oder im Etikettenkleber genutzt werden. Für beides gibt es aber mittlerweile Ersatz. Veganen Wein kann man deshalb mit Fug und Recht als verkaufsfördernde Mogelpackung betrachten – denn diese Weine stellen Anforderungen, die heute von so gut wie jedem Wein erfüllt werden. Aus Unwissenheit lässt sich mitunter Kapital schlagen.

Naturwein – eine umstrittene Bezeichnung

Unter Naturwein darf jeder sich vorstellen, was er will. Eine Definition gibt es nicht und auf dem Etikett darf der Begriff nicht verwendet werden. Sollte dies doch vorkommen, wird dies von der Weinkontrolle beanstandet – auch wenn das ausdrückliche Verbot des Begriffs „Natur“ im Weinrecht nicht mehr vorkommt. Doch das Wort hat in Verbindung mit Wein eine lange Tradition. In der ersten Hälfte des 20ten Jahrhunderts war der Begriff zulässig und durfte für Weine verwendet werden, die nicht mit Zucker angereichert wurden (Anm. des Autors: Unter Anreicherung versteht man die Erhöhung des Alkoholgehalts durch zugesetzten Zucker vor der Vergärung).

Der Vorläufer des bekannten Verbands „VDP. Die Prädikatsweingüter“ hieß zur damaligen Zeit sogar „Verband der Naturweinversteigerer“. So wollte sich der Verband von denen abgrenzen, die ihre Weine mit Zucker verbesserten, wie man damals sagte. In den Weingesetzen von 1969 und 1971 war die Verwendung des Begriffs „Natur“ dann allerdings ausdrücklich verboten.

Der Grund: Es herrschte die Auffassung, Wein sei generell ein Kulturprodukt, das nur in Verbindung mit menschlichem Handeln entstehen könne – und deshalb die Verwendung des Begriffs „Natur“ nicht statthaft sei. Es galt damals das Missbrauchsverbot (Anm. des Autors: Bestimmte Begriffe durften aus missbräuchlichen Gründen nicht verwendet werden. Es steht dem heutigen Irreführungsverbot gegenüber).

Biowein-Anbau
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Auch wenn der Begriff im Weingesetz und den grundlegenden EU-Verordnungen nicht mehr vorkommt, ist unter Weinrechtlern unumstritten, dass das Verbot von damals auch heute noch gilt. Eine Verwendung ist demnach als „irreführend“ zu werten. Spannender Weise scheint der Begriff inzwischen in Kreisen der Weinszene eine andere Bedeutung gefunden zu haben. Während die Zuckerung früher das entscheidende Kriterium darstellte, versteht man unter der Bezeichnung heute oftmals Produkte aus unbehandelten ökologisch erzeugten Trauben – insbesondere aber Wein, bei dem die Trauben bis zum Ende der Vergärung weitgehend sich selbst überlassen sind.

Naturwein, der inzwischen wieder ganz offen als solcher angeboten wird, findet sich daher auch meist nur in speziellen Läden der Weinszene, denen der gute Gedanke oder die gute Absicht näher liegt als eine korrekte Information der Verbraucher.

Strenge Vorschriften für Biowein

Für Biowein dagegen macht die Europäische Union (Öko-Verordnungen) klare Vorschriften bezüglich der Bewirtschaftung der Weinberge und der Produktion im Keller. Sie zielen auf eine weitgehend natürliche Produktion ab und schränken im Wesentlichen die Verwendung von mehr oder weniger wirksamen Pflanzenschutz- und industriellen Düngemitteln ein.

Die Produktion der Trauben im Weinberg wird für die Bio-Winzer und Bio-Weinerzeuger deutlich risikoreicher. Vor allem Pilzinfektionen können bei entsprechender Witterung zu erheblichen Schäden führen, bis hin zum Totalverlust. Ein wirksames Mittel gegen Infektionen, das bis heute angewandt werden darf, gleichwohl heftig umstritten ist, ist die Verwendung von Kupferpräparaten. Allerdings dürfen diese aufgrund der Anreicherung von Kupfer im Boden in der EU nur noch eingeschränkt eingesetzt werden. Diese Einschränkungen spüren die Erzeuger heute schon, nachdem die EU für die Jahre ab 2018 festlegte, dass innerhalb der kommenden sieben Jahre nur noch insgesamt 28 Kilogramm – im Durchschnitt also 4 kg pro Jahr – an Kupfer aufgebracht werden dürfen.

Starkes Wachstum für Bio-Weinbauflächen in der EU

Bis dato zeigte die nach EU-Regeln bewirtschafte Bio-Weinbaufläche in der EU kräftiges Wachstum. An der Spitze steht derzeit Spanien mit einer Bioweinfläche von 107.000 Hektar, das sind rund 12 Prozent der Rebfläche Spaniens. Italien hat mit knapp 16 Prozent und 105.000 Hektar den höchsten Biowein-Anteil aller Weinbauländer.

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Frankreich besitzt inzwischen knapp 80.000 Hektar Biorebfläche, das ist ein Anteil von rund 10 Prozent. Deutschland hinkt mit einem Anteil von rund 7,5 Prozent oder rund 7.500 Hektar, die biologisch oder organisch bewirtschaftet werden, etwas hinterher, wie jüngste Zahlen der Agrarmarkt Informationsgesellschaft belegten.

Zuversicht können deutsche Biowinzer aus einer neuen Mafo-Studie schöpfen. Unter dem Titel „The Global Organic Wine Market“ hat das Londoner Marktforschungsinstitut IWSR im Auftrag des französischen Bio-Winzerverbands SudVinBio eine für den deutschen Markt überaus erfreuliche Situation skizziert. Schenkt man der Studie Glauben, rangiert Deutschland mit einem Absatz von 121,5 Millionen Litern Wein als größter Biowein-Markt an der Spitze der Welt. Bis 2022 prognostizieren die IWSR-Forscher ein kontinuierliches Wachstum von 11,4 Prozent auf einen Umsatz von 1,465 Milliarden Euro.

Auch wenn die Ergebnisse der Studie manchem etwas zu optimistisch erscheinen, dürfte sicher sein, dass Bioweine derzeit zu den gefragten Weinkategorien am Markt gehören. In der Tat konnten die Biowinzer in Deutschland im vergangenen Jahr deutlich höhere Preise für ihre Weine beim Verkauf an die großen Weinkellereien erzielen als ihre Kollegen für ihre konventionell erzeugten Weine. Doch man muss genauer hinsehen, um dem Phänomen Biowein gerecht zu werden und den Markt realistisch zu beurteilen.

Konsumenten stehen auf Bio – auch bei Wein!

Ganz so einfach, wie es der eine oder andere Marktforscher orakelt, scheint die Sache nicht zu sein. Zunächst mal spielt der Kauf von Bioprodukten für die Konsumenten vor allem bei frisch verzehrten Lebensmitteln eine Rolle, wie eine Studie des Marktforschers Prof. Dr. Gergely Szolnoki von der Hochschule Geisenheim zutage förderte. Demnach achten bei frischem Gemüse, Obst und Salaten, bei Fleisch und Wurstwaren sowie Molkereiprodukten je nach Produktkategorie zwischen 20 bis zu 50 Prozent der Konsumenten regelmäßig auf Hinweise, ob die Produkte Biosiegel tragen oder als Bioprodukte hergestellt und ausgezeichnet sind.

Tendenziell kaufen mehr Frauen und altersmäßig eher jüngere Konsumenten Bioweine. Gleichzeitig besitzt die Zielgruppe von Bioweinen einen höheren Bildungsgrad und gehört somit einer höheren sozialen Schicht an. Hier genießen biologisch und nachhaltig erzeugte Produkte einen hohen Stellenwert.

Beim Wein ist dieser Prozentsatz geringer. Nur für rund fünf Prozent der Konsumenten spielen Biosiegel eine Rolle. Ganz anders stellt sich die Situation dar, wenn man die tatsächlichen Weinkäufer und -konsumenten befragt: Mehr als 22 Prozent der Weinkäufer und Weinkonsumenten gaben an, beim Weineinkauf ab und an bewusst auf Bioweine zu achten. Das sind immerhin rund neun Millionen Konsumenten, die somit ein beachtliches Marktvolumen darstellen und die eigentliche Kernzielgruppe für Bioweine sind.  

Im Fachhandel, beim Winzer oder doch im Discounter – wo kauft der Biowein-Konsument ein?

Stellt sich natürlich die Frage, ob man die Gewohnheiten dieser Konsumenten etwas genauer analysieren kann. Die Studie der Hochschule Geisenheim gibt dazu einige Auskünfte, was Konsumintensität, Geschmacks- und Herkunftspräferenzen, bevorzugte Nutzung von Einkaufsstätten und soziodemografische Daten wie Alter Geschlecht und soziale Schichten betrifft. Der Anteil der Konsumenten, die eher trockene Weine bevorzugen, ist beispielsweise bei den Biowein-Käufern höher als bei den Nicht-Biowein-Käufern. Hinsichtlich der Herkunft zeigen sich die Bio-Weinkäufer offen für Entdeckungen und kaufen eher schon mal ausländische Weine, außerdem  tendieren sie mehr zu Rot- als zu Weißweinen.

Deutliche Unterschiede zwischen beiden Gruppen bestehen hinsichtlich der Wahl und Nutzung der bevorzugten Einkaufsstätten. Während Nicht-Biowein-Käufer stärker im Discounthandel Wein einkaufen, suchen Biowein-Käufer ihre Weine stärker im Fachhandel, beim Erzeuger und im spezialisierten Online-Handel. Biowein-Käufer sind also als klassische Multi-Channel-Kunden zu verstehen, die auch beim Einkaufen eher mal wechseln und unterschiedliche Quellen nutzen.

Dr. Hermann Pilz

Dr. Hermann Pilz

Seit mehr als 20 Jahren leitet Dr. Hermann Pilz als Chefredakteur die Fachzeitschrift WEINWIRTSCHAFT und schreibt leidenschaftlich gerne über die verschiedensten Themen der Wein- und Spirituosen-Branche.