Kein Laderaum und keine Fahrer: Logistikprobleme in der Getränkebranche

Kein Laderaum und keine Fahrer: Logistikprobleme in der Getränkebranche
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Im Dürresommer 2018 wurde wohl für jeden klar, wie sehr die Wirtschaft vom Transport abhängig ist. Wir alle haben die Schlagzeilen noch vor Augen, die uns vor einer unmittelbar bevorstehenden Verknappung von Getränken warnten. Dass es dabei sowohl um die Rückführung von Mehrweg-Flaschen als auch um die Distribution an die zahlreichen Verkaufsstellen ging, wurde in der Presse kaum erwähnt. Die Abfüllbetriebe waren sich hingegen dem Ernst der Situation voll bewusst – denn auch sie kämpfen derzeit mit Logistikproblemen.

Der fehlende Laderaum gehört bereits seit längerer Zeit zu den großen Logistikproblemen. Einer extrem hohen Nachfrage nach Laderaum steht aktuell ein geringes Angebot gegenüber. Das Problem ist hierbei der LKW-Fahrermangel. Doch schon vor Jahren wurden Laderaumknappheit und Fahrermangel vorausgesagt

Wirklich darauf eingestellt hat sich jedoch kaum ein Spediteur. Diese waren vielmehr vollauf damit beschäftigt, den harten Wettbewerb innerhalb der logistischen Kette zu überstehen. Zu viele haben wohl erwartet, dass die steigende Nachfrage nach Frachtraum schon irgendwie ein Angebot schaffen würde.

Logistikprobleme: Woran liegt es?

Laut Bundesagentur für Arbeit ist die Zahl der verfügbaren Berufskraftfahrer in Deutschland stabil bzw. sogar leicht zunehmend. Das eigentliche Problem liegt aber darin, dass rund 29 Prozent der Fahrer 55 Jahre und älter sind. Weiterhin waren 2017, verglichen mit der Zahl der Auszubildenden für den Kraftfahrer-Beruf, mehr als doppelt so viele Fahrer älter als 65 Jahre.

Das bedeutet: In den nächsten Jahren werden überproportional viele Fahrer aus dem Arbeitsleben ausscheiden, ohne dass diese Stellen nachbesetzt werden können. Hinzu kommt die Konkurrenz mit Handwerk und Industrie, die ebenfalls einen zunehmenden Bedarf an Fachkräften haben. Zudem ist in den letzten Jahren das Transportvolumen deutscher LKWs überproportional gewachsen.

Logistikprobleme: Woran liegt es?
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Laut BAG-Marktbeobachtung (Jahresbericht 2017) stieg im Jahr 2017 das transportierte Gütergewicht um rund 1,5 Prozent auf über 3,1 Milliarden Tonnen und erreichte damit die höchste Wachstumsrate seit der Jahrtausendwende. Die seinerzeit vorhergesagte Vakanz ist heute offensichtlich geworden. Die Mautdaten lassen erkennen, dass Nachfragezuwachs im Fernverkehr vor allem von ausländischen Speditionen aufgefangen wird.

Auswirkungen auf die Milchwirtschaft

Der Fahrermangel und die damit verbundene Laderaumknappheit treffen nicht nur die Getränkebranche, sondern auch die Molkereien in Deutschland. Immer wieder wird in Fachkreisen berichtet, dass bei Spediteuren Fahrzeuge mangels Fahrern nicht eingesetzt werden können.

Dies betrifft sowohl den Bereich Rohmilchsammlung als auch die Zulieferindustrie und Distribution. Frachtaufträge werden geschoben oder können nicht durchgeführt werden. Teilweise werden Frachtanfragen bei Logistikdienstleistern bzw. bei Ausschreibungen gar nicht mehr beantwortet.

Das Lager füllen ist heute zuweilen einfacher, als dessen Inhalt zum Kunden und letztlich zum Verbraucher zu bekommen – der Mangel an Fahrern und Logistikkapazitäten ist akut.
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Fahrerkapazität – ein wertvolles Gut

Der Hebel zur Behebung des Logistikproblems liegt darin, das Berufsbild des Kraftfahrers attraktiver zu machen, sodass die Anzahl der Fahrer steigt – so zumindest die Theorie.  Für alle Beteiligten entlang der logistischen Kette gibt es Ansatzpunkte zur Verbesserung der Situation. Logistiker können auf die Bedingungen vor Ort an der Rampe Einfluss nehmen. Hierzu zählt ein fairer Umgang mit dem Fahrpersonal und die Entlastung der Kraftfahrer von Arbeiten, die den Rampenbetreibern zuzuordnen sind, wie zum Beispiel das Entladen, Abpacken oder das Entfernen der Folie. Fahrerkapazität ist in diesem Kontext ein wertvolles Gut und gehört auf die Straße!

Erst 2017 schätzte die Weltbank, dass in den folgenden zehn bis 15 Jahren 40 Prozent aller deutschen Lastkraftfahrer in Rente gehen werden. Somit könnten in den 2030er Jahren rund 150.000 Fahrer fehlen. Laut dem Bundesverband Spedition und Logistik (DSLV) und dem Bundesverband Güterkraftverkehr, Logistik und Entsorgung (BGL) fehlen schon heute zwischen 45.000 und 60.000 Fahrer.

Auch wenn im Moment eine leichte Entspannung am Frachtmarkt festzustellen ist, wird mittelfristig mit einem Fortdauern der kritischen Situation gerechnet. Frachtführer können Destinationen zunehmend auswählen und Frachten mit einem schwer zu erreichendem Ziel oder einem hohen Anteil an Leerfahrt ablehnen. „Weiche“ Faktoren können heute den Zuschlag ausmachen im harten Wettbewerb um logistische Dienstleistungen. Deutsche Molkereien sollten ihre Prozesse analysieren und dazu beitragen, dass in Zukunft wieder vermehrt Fahrer für den Beruf gewonnen werden können.

drinktec 2021: Logistik analysieren und optimieren

Lösungen, um den Logistikproblemen entgegen wirken zu können, sowie Informationen, wie sich logistische Prozesse analysieren und optimieren lassen, können Interessierte von einschlägigen Beratungs- und Softwareunternehmen bekommen. Eine repräsentative Auswahl solcher Dienstleister ist regelmäßig auf Fachveranstaltungen zu treffen, so auch auf der drinktec, der Weltleitmesse für die Getränke- und Liquid-Food-Industrie. Daher sollten zur nächsten drinktec (13. – 17. September 2021) nicht nur die Techniker fahren, sondern auch die Kollegen aus der Logistik mitkommen. Eine solche Doppelstrategie für den Messebesuch wird sich hier auszahlen!

Roland Sossna

Roland Sossna

Der gelernte Molkereifachmann, Agraringenieur und freie Fachjournalist Roland Sossna gestaltet unter anderem die Redaktion der Fachtitel molkerei-industrie und IDM International Dairy Magazine. Regelmäßig stellt er herausragende Innovationen aus der Molkerei-Branche auf dem Blog vor.