Plastik und Nachhaltigkeit – geht das?

Plastik und Nachhaltigkeit – geht das?
© Unsplash, User: Jonathan Chng

Plastik ist de facto ein wichtiger Rohstoff der Getränkeindustrie. Ohne scheint sie – zumindest derzeit – nicht auszukommen. Plastikflaschen zur Abfüllung von Getränken sind Standard. Natürlich neben einigen Alternativen, in erster Linie Glas und Dosen. Seit Jahren versuchen sich zwar einzelne Hersteller an ökologisch orientierten Plastikvarianten, doch reicht das aus? Besonders in Zeiten, in denen eine stetige Bilderflut von Plastikmüll in den Meeren und Diskussionen über die Gefahren von Mikroplastik omnipräsent in den Medien sind?

Immer mehr Menschen versuchen Plastik zu vermeiden. Nachhaltigkeit ist zum Trendthema geworden. Auf Social Media Plattformen boomen Influencer, die Tipps zur Kunststoffvermeidung geben. Prominente rufen zum Schutz der Weltmeere auf. Auch National Geographic hat kürzlich mit der Initiative „Planet or Plastic“ eine Anti-Plastikmüll-Kampagne mit prominenten Unterstützern gestartet. Mit der Non-Profit-Organisation Orange Ocean setzt sich der Medienunternehmer Peter Christmann für den Schutz der Weltmeere ein. Zahlreiche Organisationen thematisieren Plastikmüll als Todesursache unzähliger Meeresbewohner. So die Umweltorganisation Sea Shepherd mit einem visuell beeindruckenden, durchaus emotionalen Spot. Viele Initiativen haben sich zum Ziel gesetzt, Kunststoff zu vermeiden. Der Druck auf die Getränkeindustrie mit ihrem hohen Ausstoß an Kunststoffflaschen nimmt zu. Nachhaltige Getränkeverpackungen werden zum Muss – ökologisch und ökonomisch betrachtet.

Globale Verpackungsverantwortung

Es ist für die Getränkeindustrie sicherlich an der Zeit, zu handeln. Neben dem steigenden gesellschaftlichen Druck und der Verantwortung der Hersteller für die Umwelt treiben auch Regularien die Plastikreduzierung voran. So tritt in Deutschland ab 2019 ein neues Verpackungsgesetz in Kraft, welches Hersteller dazu anhält, ihre Verpackungsmaterialien ökologisch zu optimieren. Das heißt, Materialien zu verwenden, die leicht recyclebar sind oder aus Rezyklaten bestehen. Die Europäische Union formulierte eine Zielvorgabe, nach der bis 2030 alle Kunststoffverpackungen nur noch aus recyclingfähigen und wiederverwendbaren Materialien hergestellt sein sollen. Supermarktketten und Einzelhandel beginnen Einwegplastik aus ihren Regalen zu verbannen. China nimmt keine Kunststoffabfälle aus Europa mehr an.

Bioplastik: innovative und umweltverträgliche Lösung

Kompostierbare „Biokunststoffe“, bestehend aus nachwachsenden Rohstoffen, sind im Kommen. Komplett aus Biomaterial hergestelltes Plastik ist biologisch abbaubar und macht auch wirtschaftlich Sinn, da die Preise für Rohöl als Ausgangsmaterial für Kunststoffe stetig steigen. Derzeit gibt es Flaschen, welche komplett aus Bio-PLA bestehen – einem speziellen Polymer, gewonnen aus fermentierter Maisstärke. Sie benötigen kein Mineralöl in der Herstellung und bauen sich in industriellen Kompostieranlagen innerhalb von 80 Tagen vollständig ab. Klingt perfekt. Doch noch ist das Angebot an solchen Bio-PLAs zu niedrig, natürlich sind die Flaschen teurer und eine Recycling-Kette will erst aufgebaut werden. Generell definiert sich der ökologische Erfolg in erster Linie über eine funktionierende Recyclingkette. Dass es weltweit noch nicht genügend funktionierende Pfand- und Recyclingsysteme gibt, könnte sich durch gesetzgeberische Interventionen in kommender Zeit ändern.

Wertvolles Plastik

Denn um die Ökobilanz zu verbessern, ist es notwendig, dass leere Behälter dem Recycling-Kreislauf zugeführt werden, statt achtlos weggeworfen die Natur zu belasten. Neue Technologien haben das Potenzial, die Recycling-Quoten zu verbessern. So verfolgt die auf Blockchain basierte Plattform Recereum die Idee, dass Konsumenten, welche ihr Leergut an Sammelstellen abgeben, mittels digitaler Token belohnt werden, die sie beispielsweise gegen Gas oder Elektrizität tauschen können.  Eine andere Initiative, um die sachgerechte Verwertung von Plastikmüll zu fördern, bietet die Plastic Bank. Verbraucher, die Plastikmüll an bestimmten Stellen abgeben, erhalten eine Belohnung. Damit erhält Plastik einen Wert und der Verbraucher einen Anreiz, es einzusammeln und abzugeben.

Kreative Upcycling Lösungen: Designerbrillen und Rohöl aus Verpackungsmüll

Eine schöne Aktion: Die Biermarke Corona hat gemeinsam mit dem Meeresaktivisten Cyrill Gutsch und seiner Organisation „Parley for the Oceans“ die Plattform „Clean Waves“ ins Leben gerufen. Designer stellen Produkte aus Plastikmüll her, das Material wird an Stränden und auf dem Meer eingesammelt. Als erstes Ergebnis ist dabei eine Sonnenbrillenkollektion entstanden. Auch andere Industriezweige beschäftigen sich mit Möglichkeiten, den vorhandenen Verpackungsmüll sinnvoll zu nutzen. So hat der österreichische Energiekonzern OMV ein Verfahren entwickelt, mit dem aus Plastikabfällen Rohöl gewonnen werden kann. Gebrauchte Verpackungen werden dabei mittels Hitze und Druck zu synthetischem Rohöl umgewandelt.

„Recycle, reuse and reduce“

Um überhaupt erst weniger Kunststoff zu verwenden, können die Abfüller ihren Materialverbrauch verringern. Das spart nicht nur Rohstoffe und verkleinert die Müllberge, sondern führt auch aufgrund des geringeren Gewichts zu Einsparungen im Transport. Jede Maßnahme, die Kunststoff einspart, macht Sinn: „Recycle, reuse and reduce“. Die Verschmutzung der Umwelt und der Weltmeere mit Plastik bricht inzwischen alljährlich neue Rekorde. Laut dem Naturschutzbund Deutschland hat sich die Produktion von Plastik von knapp 1,5 Millionen Tonnen pro Jahr auf heute fast 300 Millionen Tonnen erhöht. Ein großer Teil davon landet bekanntlich im Meer. Laut dem Umweltprogramm der vereinten Nationen (UNEP) würden inzwischen auf jedem Quadratkilometer Meeresoberfläche bis zu 18.000 Plastikteile treiben. Dabei bleiben die Abfälle, die auf den Meeresboden sinken, weitgehend unsichtbar. Das Hauptproblem: Plastik verrottet im Meer nur extrem langsam und gibt dabei auch noch kleinere Teile ab. Laut Sea Shepherd sterben jährlich mehr als eine Million Meeresbewohner pro Jahr an solcher Art Kunststoffteilen. Das betrifft schlussendlich auch den Menschen: Giftiges Mikroplastik landet über die Fische auf unseren Tellern.

Nachhaltigkeit als Gewinn

Dem Marketing steht es zu, jeden Schritt zu mehr Nachhaltigkeit plakativ zu präsentieren. Am Point-of-Sale werden Kaufentscheidungen auch über „grüne“ Botschaften getroffen. Wie eine Umfrage der TNS Infratest im Auftrag des Deutschen Verpackungsinstituts ergab, fühlen sich derzeit über die Hälfte der Befragten gar nicht oder nicht ausreichend informiert, um wichtige Verpackungsaspekte objektiv beurteilen zu können. Der Konsument will und braucht verlässliche Informationen und damit Transparenz, um innovative Rohstoffe und gute Recyclinglösungen zu erkennen. Bis zur nächsten drinktec wird sich zeigen, wie die Getränkeindustrie den ökologischen Herausforderungen begegnet.

Andra Gerhards

Andra Gerhards

Andra Gerhards ist freie Journalistin und Texterin. Sie hat Ihren Schwerpunkt in den Bereichen Marketing für Kommunen und kommunale Unternehmen, (Nachhaltiger) Konsum und Einzelhandel.

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