Aus welcher Getränkeverpackung würde Greta trinken?

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Glas oder PET, Dose oder Karton, Einweg oder Mehrweg: In Zeiten von „Fridays for Future“ rückt auch die Frage nach der ökologischsten Getränkeverpackung immer stärker in den Fokus. Über die „richtige“ Antwort streiten sich die Experten.

Die Frage nach ökologisch vorteilhaften Getränkeverpackungen wird seit vielen Jahren lebhaft diskutiert. Angesichts von 9,5 Millionen Tonnen Plastikabfällen, die jährlich in die Meere gelangen, hat die Debatte noch einmal deutlich an Fahrt aufgenommen – und wird zunehmend emotional geführt. Beinahe zum Hassobjekt ist dabei die PET-Flasche geworden, obwohl gerade in Deutschland – Dank dem gut funktionierenden Pfandsystem – praktisch niemals Flaschen im Ozean landen, nicht einmal die Einweggebinde. Denn laut einer Studie der Gesellschaft für Verpackungsmarktforschung (GVM) vom vergangenen Jahr werden bereits 97 Prozent der pfandpflichtigen PET-Einwegflaschen recycelt.

Und das ist nur ein Beispiel für den Mangel an Sachlichkeit, unter dem über Getränkeverpackungen diskutiert wird. Dabei sind Ökobilanzen eigentlich nur mit kühlem Kopf zu studieren, denn sie befassen sich mit äußerst komplexen Sachverhalten: Materialbedarf, Energieaufwand in der Produktion, beim Transport und beim Recycling und der Anteil von recyceltem Material in neuen Flaschen sind nur einige Parameter, die eine Rolle spielen. Deshalb sollte man „eine bestimmte Verpackungsart nicht pauschal verteufeln“, mahnt Benedikt Kauertz, Themenleiter „Umweltbewertung von Verpackungen“ beim Ifeu-Institut, das sich auf Fragen rund um Umwelt und Nachhaltigkeit spezialisiert hat. Er hingegen nimmt in der Öffentlichkeit „eine enorme Vereinfachung der Sachverhalte“ wahr.

Glas oder PET: Es kommt auf die Transportstrecke an

Nüchtern betrachtet stehen gerade die zunehmend verhassten PET-Flaschen ökobilanziell vergleichsweise gut da. Durch ihr niedriges Gewicht und die damit verbundenen CO2-Einsparungen beim Transport sind sie zumindest bei längeren Distanzen ökologisch vorteilhafter als die viel schwereren Glasflaschen. In bestimmten Segmenten gilt dies nach neueren Erkenntnissen sogar für PET-Einweg gegenüber Glas-Mehrweg. Als vor über zehn Jahren die letzte große Ökobilanz erstellt wurde, war dies Kauertz zufolge noch anders. Seitdem heiße es in der Öffentlichkeit „Vorfahrt für Mehrweg“, obwohl „diese generalisierte Aussage“ heutigen Erkenntnissen nicht mehr standhalte.

Bei Getränkeverpackungen vergleicht man die Umweltwirkungen – von der Herstellung über die Verarbeitung bis hin zum Transport. Der Inhalt wird dabei nicht berücksichtigt, die Verwertung jedoch schon. Im Vergleich stehen schlussendlich die Kennzahlen verschiedener Wirkungskategorien, wie z.B. Energieverbrauch, Treibhausgasfreisetzung, Ressourcenbeanspruchung oder Versauerung.

Dabei gilt dies nicht nur für die laienhafte Konsumentenmeinung zu Getränkeverpackungen; vielmehr orientiert sich auch die Politik weiterhin an den Daten von damals. Die Tatsache, dass Mehrweg hierzulande politisch gewollt sei, sei aber „nicht automatisch der Beleg für die ökologische Überlegenheit dieses Konzepts in allen Bereichen“, kritisiert auch Claudia Bierth, European Sustainability Manager beim Dosenhersteller und drinktec-Aussteller Ball Packaging. Wenn man sich nicht an Fakten orientiere, sondern darüber spreche, „wie die Welt aus politischer Sicht sein sollte“, müsste man „die normative Betrachtungsebene auch klar so benennen“. Die banale Formel „Mehrweg ist gut und Einweg ist schlecht“ werde jedenfalls der komplexen Wirklichkeit nicht gerecht, meint Bierth.

Die Dose ist deutlich ökologischer geworden

So steht auch die Dose heute ökologisch deutlich besser da als noch vor wenigen Jahren. Das geht aus einer aktuellen Ökobilanz hervor, die der Verband der europäischen Hersteller von Metallverpackungen, Metal Packaging Europe, im Frühjahr dieses Jahres vorgestellt hat. Im Vergleich zu Daten aus dem Jahr 2006 sei der CO2-Fußabdruck im Durchschnitt um 31 Prozent verkleinert worden, heißt es. Gründe seien Verbesserungen in den Produktionsprozessen, eine Reduzierung des Dosengewichts und eine Erhöhung der Recyclingquote. Aluminium könne immer wieder recycelt werden, ohne seine Materialeigenschaften zu verlieren. Daher seien Getränkedosen ein „perfektes Produkt für die Kreislaufwirtschaft“.

Von sich reden gemacht hat kürzlich auch eine weitere, bislang nur wenig – und dann vor allem für Saft und Milch – genutzte Getränkeverpackung: der Karton. In einer ebenfalls vom Ifeu-Institut erstellten Ökobilanz schnitt er besser ab als PET-Einweg und genauso gut wie Glas-Mehrweg. Das Institut musste seine Anfang August präsentierten Ergebnisse allerdings Mitte September revidieren, da man durch ein Versehen zu hohe Transportdistanzen für Mehrweg zu Grunde gelegt hatte.

Die Resultate werden vorerst nicht mehr weiterverbreitet. Für die Vertreter der Mehrweg-Fraktion ist allerdings das Kind bereits in den Brunnen gefallen. Die unhaltbare Studie sei nun einmal in der Welt, ärgert sich Dirk Reinsberg, geschäftsführender Vorstand des Bundesverbands des Deutschen Getränkefachgroßhandels. Es werde schwierig sein, „die fehlerhaften Ergebnisse wieder aus den Köpfen herauszubekommen“. Dabei geht es in der Frage der Zukunftsfähigkeit des Mehrwegsystems für den Fachhandel tatsächlich ums Ganze; schließlich leben große Teile der Branche vom Verkauf von Lebensmitteln in Mehrweg-Getränkeverpackungen – inklusive ihrer Expertise in Sachen Leergutlogistik.

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Was wird aus „Vermeidung vor Verwertung“?

Aktuell muss man sich jedoch über das System wohl eher Sorgen machen, denn der Mehrweganteil ist in den letzten Jahren kontinuierlich gesunken und liegt zurzeit bei nur noch 43 Prozent. Dabei gilt europaweit nach wie vor die Devise „Vermeidung vor Verwertung“. Nach langen Jahren der politischen Mahnungen hat der deutsche Gesetzgeber deshalb eine Mehrwegquote von 70 Prozent in das Anfang 2019 in Kraft getretene Verpackungsgesetz aufgenommen. Sie muss bis 2021 erreicht sein. Wie sie allerdings durchgesetzt werden soll, bleibt vorerst offen. Zusätzlich belastet die Zunahme von Individualflaschen mit Marken-Branding das System, die immer mehr Unternehmen als Marketinginstrument wertschätzen. Anders als die jahrzehntelang bewährten Poolflaschen müssen diese individuellen Getränkeverpackungen zur Wiederbefüllung zu ihrem Hersteller zurückgeführt werden. Womit sich die Verhältnisse weiter zugunsten der Einwegbranche verschieben.

Neben der eigentlichen Frage, welches Gebinde für die Umwelt am besten ist, geht es auch hier, wie so oft, am Ende um wirtschaftliche Interessen – der Getränkeabfüller, der Verpackungshersteller und nicht zuletzt des Handels. Wie die „Getränkeverpackung der Zukunft“ aussieht, hängt jetzt wohl vor allem davon ab, wie die Politik das Thema künftig behandelt.

Vielfalt an Getränkeverpackungen auf der drinktec 2021

Glas oder PET, Dose oder Karton, Einweg oder Mehrweg: Wer sich für die technische Seite von Getränkeverpackungen interessiert, findet auf der Weltleitmesse drinktec das richtige Forum. Dort präsentieren Aussteller aus aller Welt ihre Lösungen. Die nächste drinktec findet vom 13. bis 17. September 2021 auf dem Messegelände in München statt. Sie haben innovative Ansätze für nachhaltige Getränkeverpackungen, die Sie einem internationalen Publikum vorstellen möchten? Dann seien Sie bei der nächsten drinktec auch mit dabei.

Barbara Rademacher

Barbara Rademacher

Barbara Rademacher war 18 Jahre lang Redakteurin bei einer renommierten Fachzeitschrift für die Getränkebranche. Im Juli 2018 gründete die gelernte Journalistin zusammen mit ihrem langjährigen Kollegen Dirk Omlor ein Text- und Beratungsbüro mit dem zentralen Projekt getraenke-news.de.