Gin: Der Boom nimmt kein Ende

Gin gehört zu den absoluten Boom-Segmenten unter den Spirituosen. Die Kategorie wächst in praktisch allen bedeutenden Märkten weltweit und schreibt auch hierzulande seine Erfolgsgeschichte fort.
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Gin gehört zu den absoluten Boom-Segmenten unter den Spirituosen. Die Kategorie wächst in praktisch allen bedeutenden Märkten weltweit und schreibt auch hierzulande seine Erfolgsgeschichte fort.

Gin ist ein Phänomen: Während der deutsche Spirituosenmarkt insgesamt stagniert, legt die Wacholderspirituose seit Jahren gewaltig zu. Laut dem international aufgestellten Marktforschungsinstitut IWSR hat sich die Kategorie von 2012 bis 2017 nahezu verdoppelt, und auch die Absatzkurve von Information Resources (IRI) weist steil nach oben: Im Lebensmittelhandel wurden im letzten Jahr 17,73 Millionen Flaschen Gin (inkl. Genever) verkauft. Gegenüber 2017 entspricht das einem Plus von gut 48 Prozent.

„Wachstum und kein Ende“, könnte man meinen – und in der Tat sprechen auch aktuelle Prognosen dafür, dass sich der Aufwärtstrend weiter fortsetzt. Das gilt nicht nur für den hiesigen Markt, sondern für fast alle Länder der Welt, wo in nennenswertem Umfang Gin konsumiert wird. So rechnet das IWSR für den mit 64,7 Millionen Litern absatzmäßig größten Gin-Markt USA bis 2023 mit einem weiteren Plus von 22 Prozent. Besonders starke Steigerungsraten verzeichnet indessen der britische Markt, der nach Einschätzung der Experten im selben Zeitraum sogar um 80 Prozent zulegen könnte. Mit 50,4 Millionen Litern liegt er aktuell international auf Platz zwei. Für Deutschland weist das IWSR ein Volumen von 8,3 Millionen Litern aus – geht aber auch hier von einem enormen Potenzial von plus 88 Prozent in den nächsten fünf Jahren aus.

Gin: „Erfolgsgeschichte der Branche“

Kein Wunder, dass die Hersteller und Distributoren mehr als optimistisch in die Zukunft blicken. Gin sei in den letzten zehn Jahren zur „Erfolgsgeschichte der Branche“ geworden, freut sich etwa Tanya Clarke, General Manager von Diageo Reserve Europe, die überzeugt ist, dass der Trend weiter anhält. Von dem guten Lauf sah man sich bei Diageo ermutigt, den großen und weiterhin erfolgreichen Klassikern Gordon’s und Tanqueray eine Spezialität aus Italien zur Seite zu stellen und präsentierte im Mai die Super-Premium-Marke „Villa Ascenti“.

Bedarf für solche High-End-Produkte ist offenbar vorhanden: Laut Marktforschung legen die Kategorien Super- und Ultra-Premium in Europa am schnellsten zu. Villa Ascenti ist zunächst in 14 europäischen Länder verfügbar, darunter Deutschland.

Gin zählt in den letzten 10 Jahren zu einer Erfolgsgeschichte am Markt
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Ebenfalls auf italienische Herkunft setzt Wettbewerber Pernod Ricard – und führt ab September den hochwertigen „Malfy“-Gin in den deutschen Markt ein. Weltweit soll die vier Sorten umfassende Range bald in 30 Ländern erhältlich sein. Die Lust auf Gin sei „ungebrochen“, unterstreicht Thomas Drossé, Vertriebsgeschäftsführer bei Pernod Ricard Deutschland, im Zusammenhang mit dem Launch.

Doch wie kommt es, dass deutsche Konsumenten heute schätzen, was noch Anfang des Jahrtausends praktisch keinerlei Bedeutung am hiesigen Markt hatte? Als einen Treiber sieht Philipp Sorbi, Senior Brand Manager Lifestyle Brands bei Beam Suntory, die Craft-Bewegung und die damit einhergehenden kreativen Möglichkeiten des Handwerks an. Auf den per se heute so beliebten Retro-Charakter tippt hingegen Tjalling Simoons, Marketing Director Germany & Alps bei Bacardi. Er hält zudem die lange Historie und den Reichtum an verschiedenen Varianten für attraktiv.

Zahllose Gin Marken drängen auf den Markt

Tatsächlich sind in den letzten Jahren derartig viele neue Marken und Varianten auf den Markt gekommen, dass selbst Fachleute zuweilen den Überblick verlieren. So bietet beispielsweise der große Hamburger Spirituosenhändler Weinquelle Lühmann nicht weniger als 423 verschiedene Gins aus 27 Ländern von Argentinien bis Wales in seinem Online-Shop an. Interessanterweise stammen davon stattliche 107 aus Deutschland, das hier nach England (108 Produkte) auf Platz zwei liegt.

Auch in der hohen Anzahl an Innovationen aus heimischen Landen sehen Branchenkenner einen Grund für die hohe Nachfrage. Dafür spricht sicherlich der Erfolg der Schwarzwald-Marke Monkey 47 oder etwa von Ferdinand’s Saar Dry Gin, des Wacholders aus dem Saarland, dessen Vertrieb seit Juli der Hamburger Distributor Borco-Marken-Import verantwortet. Er überzeuge in Zeiten, „in denen Authentizität und Regionalität von Konsumenten zunehmend geschätzt und gefordert werden“, glaubt Borco-Geschäftsführerin Dr. Tina Ingwersen-Matthiesen.

Der Gin-Markt erlebt weltweit einen Aufschwung. Bis 2023 wird vor allem ein starkes Wachstum in folgenden Schlüsselmärkten erwartet: Großbritannien, den Philippinen, Südafrika, Brasilien, Uganda, Deutschland, Australien, Italien, Kanada und Frankreich.

Auch das weitere Engagement in Sachen Gin zeigt, welches Potenzial Unternehmen nach wie vor in dem variantenreichen Klassiker sehen. So ging Jägermeister vor einem Jahr erstmals eine strategische Partnerschaft ein, um am Erfolg von Gin Sul teilhaben zu können – und Bacardi investiert immer wieder in Line Extensions für Bombay Sapphire, zuletzt in die Limited Edition „English Estate“, die mit drei neuen Botanicals veredelt wurde.

Immer neue Geschmackserlebnisse

Von dem streng-klassischen Wacholder-Charakter weichen dabei immer mehr Marken gerne einmal ab. So charakterisieren etwa den Gin „Puerto de Indias“, den MBG im Frühjahr in sein Vertriebsportfolio aufgenommen hat, neben der Wacholdernote auch Aromen von Orangenblüte, Vanille und Jasmin. Im „Strawberry Gin“ der spanischen Marke tritt – wie bei anderen Pink Gins auch – der Geschmack süßer Erdbeeren hinzu.

Auf der Suche nach neuen Geschmackserlebnissen werden Genießer jedenfalls immer wieder fündig, wie Dr. Tina Ingwersen-Matthiesen weiß: Die Beliebtheit von Gin beruhe eben auch auf „den verschiedenen Geschmäckern, die mit Botanicals erzielt werden können“, so die Borco-Chefin, die darüber hinaus die Eignung von Gin als Zutat in vielfältigen Drink-Kreationen hervorhebt.

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Hier punktet der aromatische Klare inzwischen sogar als alkoholfreie Variante, die immer öfter einen Platz im Regal des Handels oder an der Bar erobert – wie in jüngster Zeit Siegfried Wonderleaf von den Rheinland Distillers oder Fluère aus dem Hause Dutch Voc Spirits.

Ob nun aber alkoholisch oder „ohne Umdrehungen“: Wer im Einzelnen langfristig am Gin-Trend teilhaben kann, wird sich erst noch zeigen müssen. Am Ende sind es vielleicht doch nur einige wenige Marken, die sich angesichts einer kaum überschaubaren Zahl von Spezialitäten durchsetzen können. Über eines ist man sich in der Branche jedoch weitgehend einig: Insgesamt ist das Potenzial der Gattung noch lange nicht ausgeschöpft.

Wer sich für die technischen Hintergründe der Spirituosenherstellung interessiert, findet auf der Weltleitmesse drinktec in München das richtige Forum. Dort präsentieren Aussteller aus aller Welt ihre Lösungen – von der Brennblase bis zur Abfüllanlage. Die nächste drinktec findet vom 13. bis 17. September 2021 statt.

Barbara Rademacher

Barbara Rademacher

Barbara Rademacher war 18 Jahre lang Redakteurin bei einer renommierten Fachzeitschrift für die Getränkebranche. Im Juli 2018 gründete die gelernte Journalistin zusammen mit ihrem langjährigen Kollegen Dirk Omlor ein Text- und Beratungsbüro mit dem zentralen Projekt getraenke-news.de.