Keine Vision, sondern Realität: Künstliche Intelligenz in der Brauindustrie

Keine Vision, sondern Realität: Künstliche Intelligenz in der Brauindustrie
© IntelligentX Brewing

Auch für die Brauindustrie geht es immer mehr darum, im digitalen Wandel ihre Prozesse zu analysieren, Kunden personalisierter anzusprechen und vor allem Kosten zu sparen. Die ersten Unternehmen experimentieren bereits erfolgreich mit Künstlicher Intelligenz.

In vielen Industriezweigen ist es ein zentrales Thema, mit dem Unternehmen neue Kunden gewinnen, Marktanteile erobern und ihre Effizienz im globalen Wettbewerb steigern: Das Zauberwort heißt Künstliche Intelligenz (KI). Experten prophezeien, dass neue Technologien, bei denen Maschinen in der Lage sind, eigenständig zu lernen und zu handeln, die Wirtschaft in den kommenden Jahren massiv verändern werden. Mit ersten Versuchen will sich jetzt auch die Brauindustrie auf diesem noch jungen Innovationsfeld profilieren.

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Pionierleistungen in der Brauindustrie

Dass KI-Systeme vielerlei Verfahren in der Brauindustrie vereinfachen und verbessern können, dokumentieren bereits die Erfahrungen einiger Pioniere. Eines der markanten Erfolgsbeispiele ist die Carlsberg Brauerei in Kopenhagen, die angeblich pro Tag in ihren Labors bis zu 1000 Bierproben entwickelt. Um diese genau zu erfassen, tüftelte Carlsberg gemeinsam mit dem „Interdisciplinary Nanoscience Center“ der Universität Aarhus, mit Microsoft und der Technischen Universität von Dänemark ein System namens „Beer Fingerprinting Project“ aus. Entwickelt wurden dabei spezielle KI-Algorithmen, die im Zusammenspiel mit eigens entwickelten Hightech-Sensoren, feinste Aromen sowie Nuancen im Bier äußerst schnell bestimmen können. Das hilft nicht zuletzt bei der Entwicklung neuer Sude, um diese geschmacklich zu verbessern, dem veränderten Kundengeschmack anzupassen und schneller auf den Markt zu bringen.

Feedback via Künstliche Intelligenz

Wie ein neues Produkt dann bei den Konsumenten ankommt, erfahren die meisten Brauereien noch immer meist nur bei traditionellen Verkostungen, durch die Entwicklung beim Abverkauf oder allenfalls durch Bewertungsplattformen im Internet. Die IntelligentX Brewing Company, ein junges Start-up-Unternehmen in London, hat jedoch ein System entwickelt, um viel schneller ein Kunden-Feedback zu bekommen und damit beispielsweise den Erfolgsverlauf eines neuen Sudes zu erkennen. Bei dem Ergebnis handelt es sich wahrscheinlich um die ersten Biere im Handel, die mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz fortentwickelt und vermarktet werden.

Wer die vier Sorten namens „AI“ probiert, gelangt über einen Code auf der Flasche zum Facebook Messenger und kann dort seine Meinung dazu abgeben. Mit dem System wird via Multiple Choice abgefragt, wie das Bier generell geschmeckt hat, und wie würzig, hopfig oder fruchtig es auf einer Skala von eins bis zehn war. Die gesammelten Daten analysiert das System automatisch und schlägt dem Braumeister daraufhin die geänderte Rezeptur für den nächsten Sud vor. „Bei unserem Bier nutzen wir maschinelles Lernen, um schneller als je zuvor ein Kundenfeedback zu erhalten“, sagt Hew Leith, CEO von IntelligentX. So könne man umgehend auf Geschmacksveränderungen der Konsumenten reagieren.

Künstliche Intelligenz zur Prozessoptimierung

Nicht nur in Dänemark und England, sondern auch in Japan setzen Brauereien auf intelligente Software bei der Suche nach dem perfekten Geschmack. Die Kirin Brewery in Tokyo etwa nutzt künstliche Intelligenz, um Aufgaben bei der Bierherstellung zu übernehmen und ihre Produktentwicklung zu optimieren. Für die Realisierung tat sich Kirin mit dem Mitsubishi Research Institute zusammen um ein KI-Programm zu installieren, das Testdaten von mehr als 20 Jahren nutzt. Damit sollen perfekte Bierrezepte und Sude mit idealer Farbe, Alkoholgehalt und Aroma erschaffen werden. Spezielle Algorithmen sollen künftig auch die Entwicklungszeit der Produkte verkürzen und somit auch die Brauer entlasten.

Auch in den USA optimieren bereits einige Brauereien ihre Prozesse mit Künstlicher Intelligenz. Als Vorreiter gilt Deschutes Brewing in Bend, im US-Staat Oregon, die zu einer der größten Craft-Braustätten im Lande zählt. Um ein qualitativ hochwertiges Bier zu produzieren, wurden mit KI-Systemen alle Brauphasen exakt kontrolliert – auch die Fermentation. So haben die Deschutes-Macher maschinelles Lernen implementiert, um den Gärprozess zu automatisieren und zu verbessern. Mit einer Beratergruppe und dem US-Hersteller Microsoft wurde ein System entwickelt, das anschlägt, sobald die Gärung nicht so optimal funktioniert wie sie sollte. Schon bei der geringsten Temperatur regiert das System, greift selbstständig in den Prozess ein, sichert die Daten und rettet den Sud.

In Zukunft ein Muss

Seitdem solche Entwicklungsschritte die Phantasien der Brauer in aller Welt beflügeln, tüfteln IT-Experten an immer neueren Anwendungsmöglichkeiten und Systemen auf KI-Basis. Nach Ansicht von Reinhard Karger vom Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz (DFKI) in Saarbrücken, kann ein Unternehmen – egal aus welcher Branche – in Zukunft nicht auf den Einsatz von Künstlicher Intelligenz verzichten: „Künstliche Intelligenz hilft, große Datenmengen besser zu nutzen, Prozesse zu automatisieren, Feedback in Echtzeit auszuwerten und schneller am Markt zu agieren.“

Künstliche Intelligenz meets drinktec

Von der Zukunftsmusik zur Realität: Die Technik rund um KI hat sich in den letzten Jahren dynamisch entwickelt. Unternehmen aus allen möglichen Bereichen der Getränke- und Liquid-Food-Industrie nutzen KI, um die Qualitätssicherung zu optimieren, bessere Prognosemodelle zu schaffen und mit den Branchentrends mithalten zu können. So hat die neue Technologie auch bereits Einzug in die Brauindustrie gehalten. Auch zukünftig werden die Grenzen zwischen physischer und digitaler Welt weiter verschwimmen. Welche Chancen und Möglichkeiten aus dieser neuen Technologie entstehen und was das konkret für die Branche bedeutet, erfahren Besucher auf der drinktec 2021.

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Mareike Hasenbeck

Mareike Hasenbeck

Mareike Hasenbeck is a freelance journalist with her own craft beer blog (Feiner Hopfen), she is also a beer sommelier and an international expert for beer sensory certified by the DLG (German Agricultural Society).

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