„Sober curious“ und weitere Trends in der Getränkebranche

sober curious alkoholfreier Gin
© Rheinland Distillers GmbH

Das Trinkverhalten aller Bevölkerungsschichten wird immer auch von Trends beeinflusst. Trendbewegungen wirken häufig weit über die Getränkebranche hinaus, aber eben auch direkt dort. Man denke dabei nur an Themenbereiche wie den CO2-Fußabdruck oder Plastikmüll. Neben Nachhaltigkeitsanforderungen spielt das Wohlempfinden beim Konsum eine immer zentralere Rolle, das durch den Trend „sober curious“ (nüchtern, aber neugierig) bereits mit vielfältigen neuen Produktkreationen bedient wird. Die Getränkehersteller orientieren sich hierfür an prognostizierten globalen Verbrauchertrends der nächsten Jahre, um Konsumentenwünsche, wie in diesem Fall im Hinblick auf Gesundheit, rechtzeitig erfüllen zu können.

Sieben Schlüsselfaktoren für Verbrauchertrends

Laut dem Marktforschungsunternehmen Mintel prägen sieben Schlüsselfaktoren die globalen Verbrauchermärkte der nächsten zehn Jahre. Die Schlagworte dazu lauten Wohlbefinden, Umgebung, Technologie, Rechte, Identität, Wert, Erfahrungen. 

Von hoher Bedeutung für die Getränkebranche ist die Unterstützung des Wohlbefindens durch entsprechende Produkte und zwar des Wohlbefindens auf körperlicher und geistiger Ebene. Auf diese Art und Weise kann die jeweilige Getränkemarke zum Wohlfühlpartner des Kunden werden.

Maßgeschneiderte Lösungen für eine bestimmte Zielgruppe sind höchst willkommen. Getränke, die das Wohlbefinden unterstützen, gibt es heute schon einige. Die Tendenz ist steigend, wie auch das Beispiel Hequa, eine Bio-Apfelessig-Limonade von der Berliner Craft-Brauerei BRLO, erkennen lässt. Erst kürzlich wurde die Limonade mit besonders wenig Zucker in den Sorten scharf, herb und lieblich entwickelt und ist laut Hersteller gut für die Verdauung und das Immunsystem. Oder Frozen Smoothies: Sie werden der Gastronomie beispielsweise von Henderson and Sons angeboten, damit Lokale die schnelle und einfache Möglichkeit erhalten, gesunde Drinks zuzubereiten. Mittlerweile führt der Hersteller 15 unterschiedliche Frucht- und Gemüsemischungen im Sortiment. Allein im letzten Jahr stieg der Umsatz Unternehmensangaben zufolge um mehr als 50 Prozent.

sober curious Limonade
© BRLO GmbH

Wohlbefinden heißt auch „Sober Curious“

Wohlbefinden lässt sich auf unterschiedliche Art und Weise erreichen. „Sober Curious“ lautet in diesem Zusammenhang ein neues Schlagwort, das in den USA und inzwischen auch weltweit immer deutlicher zum Tragen kommt. Als Erfinderin der Sober Curious-Idee gilt die New Yorker Autorin Ruby Warrington, die 2018 ein Buch zum Thema veröffentlichte. Hier geht es nicht um Verzicht auf Alkohol, sondern um ein Sammeln von neuen Erfahrungen mit kreativen Drinks, die keinen Alkohol enthalten. Dieser neuen Bewegung folgend, kommen auch immer mehr alkoholfreie Spirituosenalternativen auf den Markt. Zum Beispiel Siegfried Wonderleaf, eine alkoholfreie Alternative von Rheinland Distillers zu ihrem weltweit prämierten Siegfried Rheinland Dry Gin. Oder Seedlip Garden 108, die alkoholfreie Ginmarke aus UK, die Seedlip-Gründer Ben Branson 2015 erstmals herstellte. Zwischenzeitlich erweiterte er das Sortiment mit Spice 94, der mit einer Mischung aus Gewürzen und Zitrus punktet und mit Grove 42, der sich durch Fruchtigkeit von Orange, Blutorange und Zitrone und dem Aroma von Zitronengras, Ingwer und Pfefferkörnern auszeichnet. 

Ebenfalls interessant: Undone, eine Marke des gleichnamigen Hamburger Start-ups Undone, das alkoholfreie Getränke aus alkoholischen Destillaten herstellt. Die Etiketten der vier Sorten No. 1 Sugar Cane Type, No. 2 Juniper Type, No. 7 Italian Bitter Type und No. 8 Italian Aperitif Type kommunizieren mithilfe ihrer Slogans „This is not Rum“, „This is not Gin“, „This is not Orange Bitter“ und „This is not Vermouth“ auf spaßige Art und Weise, um welche antialkoholische Geschmacksrichtung es sich beim jeweiligen Produkt handelt. Die ersten 30.000 Undone-Flaschen konnten Unternehmensangaben zufolge schon kurz nach der Erstvorstellung auf dem „Bar Convent Brooklyn“ in New York Mitte letzten Jahres verkauft werden. 

sober curious selbstgemachte Limonade
© unsplash / User: Kaizen Nguy

Eine Entwicklung hin zu Getränken ohne Alkohol sieht Jochen Kistner, Product Management EMEAI, ADM Nutrition/WFSI, auch im Bereich Biermix. „Aktuell geht der Trend hier hin zu einem leichten, erfrischenden und fruchtigen Geschmack mit 0,0 % Alkohol“, so der Experte.

Das Beispiel „sober curious“ demonstriert unter anderem, dass eine Bewegung häufig erfolgreicher ist, wenn sie mehrere Trends gleichzeitig bedient. So bietet die „neue Alkoholfreiheit“ dem Konsumenten zusätzlich die Möglichkeit, neue kulinarische Erfahrungen zu sammeln und einen Teil der eigenen Identität preiszugeben. 

Umfassende Verwertung und Lokalität punkten

Mehrere Trends bedient auch das Berliner Startup kõkõjoo. Es entwickelt geschmacksintensive Getränke aus der Kakaofrucht, der sogar heilende Wirkungen zugeschrieben werden. Das Besondere dabei: Das Unternehmen setzt auf die ganzheitliche Verwertung der Kakaofrucht und verfolgt so einen nachhaltigen Ansatz. Das erste Produkt, Pelure de Cacao, ist ein Erfrischungsgetränk auf Basis von Kakaobohnenschalen, ein Restprodukt aus der Schokoladenverarbeitung. Hergestellt wird es unter fairen Bedingungen in Westafrika und Deutschland. Dayog Kabore, CEO und Founder des Unternehmens, erklärt: „Bis zu 80 Prozent werden bei der herkömmlichen Verarbeitung der Kakaofrucht als Abfall betrachtet. Unsere Vision ist es, die komplette Frucht zu verwerten und daraus innovative Produkte zu entwickeln, die im Einklang mit Mensch und Natur entstehen.“ Auch das also ein identitätsstiftendes Produkt, das ebenso die von Mintel aufgezeigten Trends Wohlbefinden, Umgebung, Wert, Identität und Erfahrungen in sich trägt. 

Das Competence Center Foresight des Fraunhofer ISI entwickelt im Projekt FOX Zukunftsszenarien für den europäischen Lebensmittelsektor und hat dazu über 100 Trends identifiziert, die den Lebensmittelsektor beeinflussen könnten. Mit am relevantesten sieht das Competence Center neben dem Trend zur Reduzierung von Lebensmittelabfällen die Bewegung hin zu lokalen Lebensmittelkreisläufen. Die Frische der Produkte, weniger Verpackungsmüll und eine geringere Umweltbelastung durch den kurzen Lebensmitteltransport sind hierbei die größten Vorteile. 

Der österreichische Aromen- und Grundstoffhersteller esarom hat den Apfel zur Trendfrucht 2020 erkoren. Der Apfel ist in etwa 100 Ländern weltweit zuhause und deshalb fast überall eine lokale Frucht. Innerhalb der Getränkebranche kann er in Verbindung mit anderen Früchten ebenso wie mit Botanicals neue und unerwartete Geschmackserlebnisse kreieren.

Künstliche Intelligenz mit wesentlichem Einfluss auf die Nahrungsmittelproduktion

Dr. Björn Moller, FOX-Projektkoordinator am Fraunhofer ISI, weist auf weitere wesentliche Trends hin, die es bei Diskussionen zum zukünftigen Ernährungssystem zu berücksichtigen gilt: „Künstliche Intelligenz und maschinelles Lernen werden einen wichtigen Einfluss auf die Nahrungsmittelproduktion haben. KI könnte auch dazu beitragen, die Qualität und Frische von Lebensmitteln und Getränken zu verbessern und deren Verschwendung zu verringern, indem Kundenanforderungen und -nachfragen bereits im Voraus bekannt sind. So lässt sich in Supermärkten die richtige Menge zum richtigen Zeitpunkt bereitstellen.“

Genau hinschauen lohnt sich

Für die Getränkebranche ist es durchaus ratsam, sich auf permanente Trendsuche zu begeben, um neue Entwicklungen auf keinen Fall zu verpassen. Und selbst wenn sich Trends für das jeweilige Unternehmen nicht sofort stimmig in Produkte umsetzen lassen, liefern sie häufig zumindest die eine oder andere Anregung, um den Weg – möglicherweise auch „sober curious“ – in Richtung Zukunft weiter zu ebnen. Eine Trendschau bietet auch die nächste drinktec, die vom 4. bis 8. Oktober 2021 auf der Messe München stattfindet. Sie suchen nach einer Plattform, um Ihre innovativen Getränkeideen vorzustellen? Dann seien Sie auf der nächsten drinktec mit dabei.

Friederike Arndt

Friederike Arndt

Die selbstständige Fachjournalistin Friederike Arndt gilt als Expertin für den Bereich Getränke und war unter anderem lange Zeit als Redakteurin der Fachzeitschriften Getränkeindustrie und Getränkefachgroßhandel tätig. In dem Blog berichtet sie über die neuesten Trends und Innovationen aus dem Bereich der Alkoholfreien Getränke.